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So entsteht ein Stück Lebensqualität Die Planung von Außenanlagen in Wohnneubauten

Das Leben in der Stadt ist angenehm. Die Wege sind kurz, die Vielfalt enorm. Ob Läden, Kinos und Kneipen – alles ist schnell erreichbar. Gleichwohl wünschen sich die meisten Menschen ein Zuhause „im Grünen“. Verständlich, denn es ist nachgewiesen, dass allein der Blick auf Bäume und Grünflächen wohltuend und entspannend ist und zum Beispiel in Krankenhäusern zu einer schnelleren Heilung beiträgt. Da ein großer grüner Garten in der Stadt eine Seltenheit ist, ist die durchdachte Planung der Außenanlagen von Mehrfamilienhäusern umso wichtiger.


Mehr als nur Grün
„Freiflächen um Wohngebäude müssen weit mehr als schön und grün sein“, stellt Landschaftsarchitektin Daniela Bock, Inhaberin des Planungsbüros Grosser-Seeger & Partner, fest. „Sie erfüllen zahlreiche zusätzliche Funktionen: Wege müssen zu den Eingängen führen, es braucht Flächen und Nebengebäude für Fahrräder, Müll und E-Ladestationen, vermutlich auch oberirdische PKW-Stellplätze, Feuerwehrzufahrten, Spielplätze und Versickerungsflächen für Regenwasser.“

Die Herausforderung dabei: Viele dieser Funktionen brauchen eine feste Belagsfläche oder ein Dach. Bei den heute immer kleiner werdenden Grundstücken (Stichwort Nachverdichtung) drängen sich sehr schnell kontrovers geführte Diskussionen auf. Oft ist es nicht möglich, den auf dem Grundstück befindlichen Baumbestand zu erhalten, weil er schlicht dem neuen Gebäude im Wege ist. Und die neu gepflanzten Bäume beanspruchen dann wieder ihre Zeit, bis sie eindrucksvoll wirken.


Landschaftsarchitekten – von Anfang an dabei
Früher galten Landschaftsarchitekten als die Verschönerer, die man gegen Ende der Planungszeit mit ins Team holt, damit sie die Restflächen begrünen. Das hat sich seit vielen Jahren schrittweise verändert. Mit dem steigenden Bewusstsein um die Wichtigkeit und den Wert von Freiflächen über die pure Dekoration hinaus, modifizierten sich Gesetze und Verordnungen. Die Planungen wurden anspruchsvoller und Schnittstellen zu den anderen Planern im Team immer gravierender. So rückte der Einstiegszeitpunkt für die Landschaftsarchitekten stetig weiter nach vorne.

„Mittlerweile ist es nicht ungewöhnlich, dass der Investor zuerst die Beplanung des Grundstücks mit uns bespricht, weil viele Untersuchungen und Konzepte vorlaufend gestartet oder beantragt werden müssen“, erklärt Daniela Bock. Das betrifft rechtliche Fragen zu Baum- und Artenschutz, Lärm, Bodenbeschaffenheit, den Auflagen für Spiel- und Ausgleichsflächen und vieles mehr. Wenn diese Themen nicht ausreichend geklärt und bearbeitet sind, kann das Bauvorhaben nicht genehmigt werden und es käme zu Zeitverzögerungen.


Viel Vorarbeit bei der Gestaltung von Freiflächen
Als Nächstes wird der Baumbestand kartiert und bewertet, zudem wird geprüft, ob die Fläche als Lebensraum für Eidechsen, Vögel, Insekten oder seltene Pflanzen dient. Anschließend wird die Gebäudeplanung detaillierter unter die Lupe genommen: Steht das Haus an der richtigen Stelle und auf der tatsächlichen Höhe? Welche Funktionsflächen für Müll, Fahrräder und Spielgeräte ergeben sich aus der Gebäudenutzung und der Menge an Bewohnern? Was ist im Hinblick auf die Barrierefreiheit zu erwarten?

Erst wenn alle funktionalen und rechtlichen Fragen geklärt sind, beginnt die Gestaltung der Freiflächen. „Wir machen uns Gedanken zu Bodenbelägen, Ausstattungsgegenständen, dem Verlauf der Wege und der passenden Bäume und Blühpflanzen. Also gewissermaßen erst die Pflicht und dann die Kür“, fasst Daniela Bock zusammen.


Die Tücken des Grundstücks
Ob eine Grünfläche attraktiv und gut nutzbar ist und darüber hinaus einen positiven Beitrag für das Stadtklima liefert, hängt von ihr selbst, aber auch von ihrem Umfeld ab. Das Gebäude und seine Freifläche müssen darauf reagieren, ob ein Gelände geneigt oder flach ist, ob Lärmquellen vorhanden sind und einiges mehr. So sind geneigte Gelände bei lang gezogenen Gebäuden ein Problem für die Barrierefreiheit, weil sich eigentlich Abstufungen oder Mauern ergeben. Zudem versickert hier Regenwasser schlechter – dafür sind flache Bereiche geeigneter. Andererseits sind flache Grundstücke weniger reizvoll und für Überflutungsschäden bei Starkregen anfälliger. Vor allem im Hinblick auf Grünverbindungen und Baumbestand können Grundstücke sehr stark von ihrer Umgebung profitieren, weil alle neu gepflanzten Strukturen erst wachsen müssen.


Stadt versus Land
Ist die Freiflächenplanung auf dem Land anders als in Städten wie Nürnberg? In ländlichen Gebieten und kleinen Städten gibt es zunächst deutlich weniger Satzungen und Vorgaben, weil die Bautätigkeit geringer ist und Konflikte spezifisch vom politischen Gremium wie dem Stadt- oder Gemeinderat gelöst werden. In großen Städten mit wenig Platz und hoher Bautätigkeit ist das nicht möglich, daher gibt es für fast alle Eventualitäten Regeln und Satzungen, die verpflichtend einzuhalten sind.

„Das hat aber selten mit überbordender Bürokratie, sondern mit der Idee von Gerechtigkeit zu tun“, merkt Daniela Bock an. „Denn es gilt gleiches Recht für alle: Niemand soll die Ressourcen auf seinem Grundstück rücksichtslos ausbeuten dürfen. Deshalb gibt es eine Satzung zum Schutz von Bäumen, zur Höhe von Einfriedungen oder zum Erhalt und Ausgleich von Lebensräumen.“

Vordergründig könnte man meinen, dass das Bauen außerhalb der großen Städte einfacher ist. Andererseits gelten auf dem Land höhere Ansprüche an die Unterbringung des Individualverkehrs, an Aufstellflächen für Müll oder den Lärmschutz. In den Städten ist man hingegen bereit, dichter und moderner zu bauen. „Plakativ könnte man sagen, dass manche Neubauviertel in der Stadt grüner und nachhaltiger sind als gesichtslose Schlafstädte auf dem Land“, ergänzt Daniela Bock.


Innovative Gestaltungsideen
Abgesehen davon, dass sie für die Regenwasserbewirtschaftung wichtig sind, spielen begrünte Dächer eine immer größere Rolle als Aufenthaltsbereiche und Lebensraum – schließlich wird der Platz am Boden immer knapper. Auf dem Dach ist es meist ruhiger und man hat ungewohnt spannende Ausblicke. „Durch ausgeklügelte Substrate, Pflanzenverwendung und Bewässerung kann man hier tolle grüne Oasen schaffen“, weiß Daniela Bock aus Erfahrung.

Ein weiteres Trendthema ist die Fassadenbegrünung, obwohl viele Standorte nicht besonders gut für das Wachstum von Pflanzen geeignet sind oder Jalousien und Regenrohren dem Vorhaben im Weg stehen. Ebenso steigt die Nachfrage nach Bewässerungsanlagen für Bäume, Sträucher und Stauden. Diese sind deutlich wassersparender und kostengünstiger als das Gießen von Hand und daher klar auf dem Vormarsch.

Bei den Materialien geht der Trend eindeutig zu warmen Farben und natürlichen Strukturen wie Klinker, Holz und Sand- oder Kalkstein. Als Pflanzgefäße werden gern solche aus Cortenstahl genutzt oder welche in Anthrazit- bzw. Grautönen. Leuchtende Farben setzen vereinzelte Highlights. Gerade im öffentlichen Raum gibt es einen großen Bedarf an mobilen Begrünungselementen, wie Kübel und andere Gefäße, die eine flexible Flächengestaltung ermöglichen.


Herausforderung Klimawandel
Die Auswirkungen des Klimawandels auf die Arbeit der Landschaftsarchitekten sind massiv. In einem Jahr gibt es zu reichlich Regenwasser, im nächsten viel zu wenig. Hinzu kommen Hitzewellen im Sommer und Spätfröste im Winter. Allein dadurch müssen in der Nürnberger Region mittlerweile manche Gestaltungslösungen und Pflanzen komplett ausgeschlossen werden.

Zahlreiche Baum- und Staudenarten kommen mit hohen Temperaturen und Trockenheit leider nicht zurecht. Die Folge: Sie sterben ab oder wachsen gar nicht erst an. „Hier arbeiten wir mittlerweile mit Pflanzen aus dem Mittelmeerraum, aus dem Raum um das Schwarze Meer oder gleich aus Nordamerika oder Asien“, erklärt Daniela Bock. Zudem versucht man mit Ansaaten und Extensivierung dafür zu sorgen, dass sich die geeignetsten Pflanzen an einem Standort durchsetzen und eine stabile Gemeinschaft bilden.

Die Beschäftigung mit dem Wasserrückhalt auf dem Grundstück nimmt ebenfalls sehr großen Raum ein. Anhand umfangreicher Tabellen muss ein Überflutungsnachweis für jedes Grundstück berechnet werden. Es besteht vor allem die Sorge, dass Wasser im Ernstfall über Lichtschächte oder Türen in das Gebäude eindringen könnte. Wiederholt entstehen schwere Konflikte zwischen der Barrierefreiheit und dem Schutz vor Überflutung, die gestalterisch attraktiv gelöst werden wollen.


Naturschutz immer wichtiger
Das wachsende Bewusstsein für den Wert von Pflanzen und Tieren stellt den Natur- und Artenschutz stärker in den Fokus. Viele Tiere und Pflanzen rücken mittlerweile in die Städte vor, die ihnen vielfältigere Lebensräume bieten als die ausgeräumte Agrarsteppe. Das Insektensterben ist ein gutes Beispiel dafür. In blütenreichen Gärten und Parks finden Bienen heutzutage mehr Futter als auf dem Acker. Viele seltene Vögel, Fledermäuse, Eidechsen und Kröten tummeln sich mitten in unserer Stadt und können nicht einfach verdrängt werden, indem man ihren Lebensraum durch Bebauung zerstört. Meist ist es gar nicht besonders schwierig, ihnen Ersatzquartiere in Form von Nistkästen, Strukturen oder Totholz zu bauen oder sie umzusiedeln. Auch die Wahl der richtigen Lichttemperatur von Leuchtmitteln schützt das Leben von Insekten, unsichtbare Markierungen auf großen Glasflächen das von Vögeln. „Oft sind es schon kleine Maßnahmen, die einen großen Effekt erzeugen“, resümiert Daniela Bock.

Daniela Bock hat an der TUM Weihenstephan Landespflege studiert, gefolgt von einem MBA-Abschluss in General Management an der FAU Erlangen-Nürnberg. Schon während des ersten Studiums gründete sie Grosser-Seeger & Partner, ihr Büro für Landschaftsarchitektur und Stadtplanung, das über die Jahre in Nürnberg auf eine Partnerschaftsgesellschaft mit über zwanzig Mitarbeitern angewachsen ist. Sie betätigt sich auch ehrenamtlich, z. B. als Aufsichtsrätin in Wohnungsbaugesellschaften oder als Vereinsvorsitzende (FEA Nordbayern e.V., Grünclusiv e.V.), hält Vorträge, veröffentlicht Beiträge in Print-, Rundfunk- und TV-Medien und hat Lehraufträge an bayerischen Hochschulen übernommen. Ihre persönlichen Schwerpunkte sind nachhaltige, klimaangepasste Regenwasser- und Begrünungskonzepte.

Peter Murrmann
Text

Bilder: Alexander Tschopoff, Anna Seibel

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